Diese komplizierte Sache mit dem Jetzt

Auf die Empfehlung einiger Freunde habe ich mich in der letzten Zeit häufiger an ganz unterschiedliche Podcasts herangewagt. Grundsätzlich bin ich mehr dem Lager „Bücherwurm“ zuzuordnen. Ich lese lieber, anstatt zu zuhören – aber gut: nachdem um mich herum immer mehr Personen vollkommen begeisterte Podcasts-Konsumenten sind, dachte ich mir, ich gebe dem Ganzen ebenfalls eine Chance und übe mich im Zuhören.

Als ich heute am Gleis stand, um auf die nächste U-Bahn zu warten und einer Podcast-Folge lauschte, beobachtete ich die Menschen um mich herum und plötzlich hatte ich mein neues Blogpost-Thema gefunden. Die Gedanken sprudelten mir nur so durch den Kopf und nun sitze ich hier an meinem Schreibtisch und möchte euch gerne an ihnen teilhaben lassen.

Welchen Podcast ich gehört habe, ist an dieser Stelle nicht von Bedeutung, denn das, was ich hörte, widersprach exakt dem, was ich persönlich für richtig halte. Dennoch machte mich die besagte Podcast-Folge darauf aufmerksam, dass ich in letzter Zeit immer häufiger mit exakt derselben Thematik konfrontiert werde. Ständig geht es darum Motivation und Selbstliebe sowie -akzeptanz zu vermitteln bzw. vermittelt zu bekommen.

Es wird einem verdeutlicht, wie die eigene Haltung und Herangehensweise das eigene Leben verändern kann. Positive Suggestionen, ein paar kleine Übungen, die man in den Alltag einbauen kann und animierende Worte versprechen einem, fortan mit dem Leben besser zurecht zu kommen, mehr Erfolg zu haben und letzten Endes glücklicher zu werden. Das ist gut. Sehr gut sogar. Wenn man beispielsweise aufgefordert wird, eine Liste mit Dingen zu verfassen, die man an sich selbst mag, dann ist das eine nette Hausaufgabe. Es kann ja nie schaden, am eigenen Selbstbewusstsein zu arbeiten, sich klar zu machen, worin die eigenen Stärken liegen und über den eigenen Schatten zu springen. Die Zukunft zu visualisieren und sich klare Ziele zu setzen, die man bis zu einem konkreten Punkt in der Zukunft gerne verwirklicht haben möchte – auch das ist eine nette Hausaufgabe. Versteht mich nicht falsch: ich bin der Ansicht, dass all dies nicht verkehrt ist, allerdings wird eine ganz entscheidende Sache übersehen oder sogar bewusst ignoriert, nämlich der Status quo: das Jetzt!

Ich finde es erstaunlich, wie konsequent sich viele das Jetzt zum Feind machen. Das kollektive Motto lautet: im Moment bin ich mit meinem Job, meiner Figur, Fitness, Beziehung, Wohnsituation, Ernährung etc. zwar unzufrieden, aber bald, ja bald wird sich das ändern. Ich werde schon bald handeln und dann, ja dann wird alles gut sein. Unser Leben dreht sich erschreckender Weise immer nur um das Morgen.

Heute habe ich zwar noch ein geringes Selbstbewusstsein, aber wenn ich nun immer brav meine Liste mit Dingen, die toll an mir sind, schreibe dann werde ich morgen bestimmt sehr selbstbewusst durch’s Leben schreiten. Heute habe ich zwar noch mit meinen Ängsten zu kämpfen aber schon bald werde ich sie restlos überwunden haben und angstfrei meinen Alltag meistern. Die alles entscheidenden Fragen, die sich regelrecht aufdrängen, sind an dieser Stelle doch eklatant: Warum erst morgen? Warum nicht JETZT?

Sich ändern, ein Probleme überwinden, Fehler ausbügeln, Laster ablegen etc. das kann man nicht nur morgen, das kann man auch im aktuellen Augenblick – dem einzigen Moment, den wir tatsächlich beeinflussen können, dem Jetzt.

Meiner persönlichen Meinung nach leiden die meisten Menschen an einer Fehlvorstellung betreffend ihrer Handlungsmöglichkeiten, der ihnen von anderen – vielleicht sogar von fast allen Personen – vermittelt wird:

Es geht nicht darum, wer du morgen bist. Es geht einzig und allein darum, wer du jetzt in diesem Augenblick bist. Es geht ausschließlich darum in dem einen Moment, der wirklich wichtig ist, weil er real ist glücklich zu sein: dem Jetzt! Nur im gegenwärtigen Augenblick können wir tatsächlich etwas in uns bewirken. Die eigenen Ziele erst in der Zukunft erreichen zu wollen, bedeutet genau genommen sie aufzuschieben, um sich selbst für eine Veränderung mehr Zeit einzuräumen, weil man zu bequem ist, sie jetzt direkt anzupacken. Natürlich spreche ich nicht von Dingen wie dem Ende des Studiums oder derartigen Dingen. Diese können natürlich erst in der Zukunft erreicht werden. Ich spreche von Dingen, die man selbst in der Hand hat, die man selbst entweder aufschieben oder direkt umsetzen kann.

Beispielsweise muss ich mir nicht das Ziel setzen, mich künftig nicht mehr über Kleinigkeiten aufzuregen, wenn ich gerade hinter dem Steuer sitze und vollkommen aus der Haut fahre, weil das Auto vor mir, ohne zu blinken rechts abbiegt und ich mein gesamtes Repertoire an Schimpfwörtern auspacke. Der entscheidende Moment mit einem solchen Vorsatz zu starten, ist exakt der, in dem ich wie ein Pulverfass in die Luft gehe, denn das ist der einzige Moment, in dem ich tatsächlich aktiv werden kann. Doch sich in einer solchen Situation zu besinnen, sich auszubremsen und das wutentbrannte Verhalten zu stoppen, erfordert eine ordentliche Portion Selbstreflexion und -beherrschung, die die wenigsten Menschen besitzen.

Wieso unterliegen wir alle dem Irrglaube uns ständig vom aktuellen Augenblick zu distanzieren und uns nur um das Vorhin und Später zu kümmern? Meine Vermutung ist, dass wir gerne unzufrieden sind. Wir sehen in Situationen lieber das Negative als das Positive. Durch diese Fehlinterpretation und -gewichtung der aktuellen Situation finden wir sie nervig, ungerecht oder sogar unerträglich und flüchten uns gedanklich in die Zukunft oder die Vergangenheit.

Vergangene oder bald anstehende Dinge retten uns aus dem gegenwärtigen Moment, holen uns von diesem weit weg und lenken uns erfolgreich davon ab. Anstatt dieses konditionierte Verhalten ständig zu wiederholen und dem Hier und Jetzt zu entwischen, wäre es von essentieller Bedeutung das Jetzt, so wie es ist, zu akzeptieren. Sich auf die jeweilige Situation einzulassen, sie anzunehmen und mit ihr im Reinen zu sein, ist alles andere als einfach. Ganz im Gegenteil. Zu erkennen, dass man eine Situation hinnehmen muss, wie sie ist, weil man an ihr ohnehin nichts ändern kann, erscheint einem auf den ersten Blick häufig als unfair und sich darüber aufzuregen als die einzig logische und adäquate Konsequenz. Leider übersieht man bei dieser Vorgehensweise, dass sie zu nichts führt außer zu einer Verschwendung von Zeit und Energie.

Als kleine Übung für ein bewusstes Wahrnehmen des Jetzt mache ich folgendes: Immer, wenn Ludwig zu mir kommt, wir zusammen auf dem Sofa liegen oder wir spazieren gehen, mache ich mir diesen Augenblick voll und ganz bewusst. Ich gehe bewusst nicht den unzähligen Gedanken nach, die mir durch den Kopf schwirren, denke mithin nicht an meine noch anstehenden To-do’s, an morgen oder gestern, sondern nur daran, dass Ludwig und ich gerade zusammen sind und wie wichtig mir die Zeit mit ihm ist. Und diese „Zeit mit ihm“ sind genauer betrachtet viele einzelne Momente, die nichts wert sind, wenn man sie nicht bewusst erlebt. Dasselbe kann man natürlich auch machen, wenn man Zeit mit seinem Kind oder seinem Partner verbringt. Einfach nur präsent zu sein, hinzusehen, zuzuhören, Kleinigkeiten wahrzunehmen, anstatt sich von unwichtigen Dingen ablenken zu lassen. Das ist alles was zählt.

Versuche einfach einmal, den Moment bewusster zu erleben. Dem Jetzt eine Chance zu geben und nicht nur über gestern zu grübeln und das morgen zu glorifizieren.