Das Ego und Instagram

Was bedeutet es eigentlich, wenn man davon spricht zu viel Ego zu besitzen oder dass das eigene Ego einem bei einer gewissen Sache im Weg steht? Was meint man damit, wenn man jemanden als Egoisten tituliert? 

In letzter Zeit habe ich mich verstärkt mit diesem sogenannten „Ego“ befasst, da es Inhalt einiger Bücher ist, die ich gelesen habe. Dort heißt es „Wer seinem Bewusstsein mehr Raum geben möchte, muss sein Ego ablegen, denn Bewusstsein und Ego schließen sich gegenseitig aus“. 

All das was man in unserem Alltagssprachgebrauch als „Ego“ bezeichnet, ist nicht gleichbedeutend mit dem Ego, von dem ich spreche. Das Erkennen des eigenen Egos hat mein gesamtes Denken verändert, meine Sicht der Welt und ist Hauptauslöser dafür, dass ich hier auf meinem Blog nun derartige Themen behandeln möchte.

Nun gut, legen wir los. Dieses Ego, von dem ich spreche, was ist es also?

Wenn du eine kurze, knappe Antwort auf diese Frage möchtest, dann ist das Ego die Stimme in deinem Kopf. Klingt das ein wenig befremdlich für dich? Ich gebe zu, es klingt zunächst recht komisch, denn die Stimme in deinem Kopf bist doch du, nicht wahr? Das Ego ist ein Teil von dir. Wie groß dieser Teil ist und wie sehr er dich beeinflussen kann, ist von Person zu Person verschieden. Angenommen also, es gibt diese Ego-Stimme in deinem Kopf, die dich beeinflusst und dich lenkt, wäre es dann nicht eine tolle Sache, wenn du sie abstellen, dich von ihr befreien und voll und ganz du selbst sein könntest? Dafür muss man glücklicherweise nicht viel tun. Sich vom Ego zu befreien ist keine große Sache. Die einzige und zugleich simple Methode das Ego in die Wüste zu schicken, ist, sich des Egos in dir bewusst zu werden. Denn wie ich eingangs schon erwähnte, schließen sich Bewusstsein und Ego aus.

Beginnen wir aber zunächst einmal ganz von vorne. Die Wurzel allen Ego-Übels ist das Wörtchen „Ich“. Kaum ein Wort wird so häufig benutzt, insbesondere bei Diskussionen und Streitgesprächen, denn gerade dort fühlt sich das Ego zu Hause. Im normalen Sprachgebrauch verkörpert das Wörtchen „Ich“ den Urfehler, das falsche Bild, das wir von uns selbst haben, mithin ein äußerst trügerisches Identitätsgefühl. Dieses irreführende Ichgefühl bezeichnete Albert Einstein als „optische Täuschung des Bewusstseins„. Schließlich bist du viel mehr als das, was du sehen und begreifen kannst und erst recht kann man das, was du bist, nicht mit einem simplen Wort erfassen.

Kernfrage ist grundsätzlich einmal, was mit dem gewöhnlichen „Ich“ und seinen Ableitungen „mir“, „mich“ und „mein“ gemeint ist? Die Geschichte des Egos beginnt schon in der frühen Kindheit. Kinder lernen das magische Wort „Ich“ kennen und setzen sich im Folgenden damit gleich. Im nächsten Schritt machen sie Bekanntschaft mit dem Gedanken des „mein“, durch das Dinge gekennzeichnet werden, die irgendwie zum „Ich“ dazugehören

Wir beginnen also uns mit Objekten zu identifizieren. Sie gehören uns – genaugenommen gehören sie zu uns. Diesen Dingen wird ein Ichgefühl zugeordnet, so dass man aus ihnen seine Identität bezieht. Wenn „mein“ Spielzeug kaputtgeht oder es mir weggenommen wird, dann leide ich ganz automatisch. Nicht etwa, weil dieses Spielzeug einen eigenen außergewöhnlichen Wert hat – ein Kind verliert schnell das Interesse an einem seiner Spielsachen und grundsätzlich ist jedes Spielzeug durch ein anderes ersetzbar. Das Kind leidet allein wegen des Gedankens des „mein“. Das Spielzeug ist ein Teil des sich entwickelnden Selbst- oder Ichgefühls des Kindes geworden.

Während das Kind heranwächst, zieht der ursprüngliche Ichgedanke weitere Gedanken nach sich: Es identifiziert sich mit seinem Geschlecht, seiner Nationalität, seiner Religion oder seinem Beruf. Ferner identifiziert sich das Ich mit Rollen, wie beispielsweise der einer Mutter oder einer Ehefrau. Daneben identifiziert man sich mit Meinungen, Vorlieben und Abneigungen. Ich verbinde mein Ichgefühl mit etwas, und so wird es Teil meiner Identität. 

Vielleicht fragst du dich, was daran verkehrt ist? Verkehrt an der Identifikation mit Dingen, Meinungen und Anschauungen ist, dass der Verlust einer Sache, eine gegenteilige Meinung oder andersartige Anschauung in dir eine emotionale Reaktion bewirkt. Bei dem Verlust einer Sache ärgerst du dich und bei einer gegenteiligen Meinung oder einer andersartigen Anschauung entsteht ein Konflikt. Die Identifikation mit Dingen und Meinungen bewirkt, dass man sich darüber definiert und man sich durch die Beschädigung oder den Verlust eines Gegenstands sowie einer gegenteiligen Meinung persönlich angegriffen fühlt. Es entsteht ein Gefühl von Ärger, Wut und man geht automatisch zur Verteidigung in From eines Angriffs über. Emotionen und irrationale Verhaltensmuster nehmen den Platz ein, den eigentlich unser Bewusstsein innehaben sollte

Vereinfacht könnte man sagen, dass diese Ausgestaltungen des Egos, wie beispielsweise die emotionale Reaktion auf die Andersartigkeit des Gegenübers, den Verlust einer Sache oder eine Situation, in der du dich ungerecht behandelt fühlst, dich von anderen trennen. Es entsteht eine Kluft, die nicht überwunden werden kann, weil uns unser Ego im Weg steht. Wir machen uns andere zum Feind wegen Kleinigkeiten, die allein auf unser Ego zurückzuführen sind. 

Das Ego ist äußerst raffiniert. Es hat gute Argumente parat und setzt dich stets ins Recht, während es den anderen ins Unrecht setzt. Einsicht, Verständnis, Nachsicht und Geduld kennt das Ego nicht. Es erzeugt für sein Leben gerne Unzufriedenheit. Denn diese erzeugt Negativität, in Form von negativen Gedanken bis hin zu Depressionen. Unzufriedenheit lässt sich besonders effektiv erzeugen, indem man sich selbst und das eigene Leben mit dem von anderen Personen vergleicht und versucht mit dem scheinbar perfekten Leben der anderen mitzuhalten. Wie du von anderen gesehen wirst, bestimmt deine Selbstwahrnehmung. Wie andere dich sehen, wird eine Art Spiegel für dich, der dir aufzeigt, wer du bist. Das Ego schöpft sein Selbstwertgefühl allein aus der Betrachtung und Bewertung der anderen. Besonders problematisch wird dieser Umstand, wenn du in einer Kultur lebst, die den Wert eines Menschen größtenteils damit gleichsetzt, wie viel und was er besitzt. In diesem Fall ist man – sofern man diese kollektive Täuschung nicht als solche erkennt – dazu verdammt, sein ganzes Leben lang materiellen Dingen hinterher zu jagen in der vergeblichen Bemühung, sich in seinem Wert bestätigt zu fühlen. 

Das ist der Grund, weshalb das Ego so sehr vom Vergleich zehrt. Das Motto lautet: Wenn ich nur alles habe, was die anderen haben, dann bin ich bestimmt endlich glücklich. Mit dieser Taktik geht jedoch die fortlaufende Enttäuschung einher, dass man jedes Mal, wenn man eine Sache endlich besitzt, merkt, dass man durch sie nicht glücklich geworden ist. Hieraus entsteht das Verlangen nach mehr, das ein weiteres Charakteristika des Egos ist.

Instagram ist eine Plattform, die das Prinzip des Egos sehr schön verdeutlicht.

Denn Instagram birgt die Gefahr sich selbst ständig mit dem Leben anderer zu vergleichen. Man sieht nicht nur erfolgreiche Influencer, die scheinbar alles haben, was man sich selbst wünscht – auch die Profile von Freunden und Bekannten erwecken den Eindruck, dass das Leben aller anderen viel spannender, aufregender und abwechslungsreicher sei als das eigene. Man fängt an zu grübeln und ohne es verhindern zu können, stellt sich Unzufriedenheit ein. Unzufriedenheit mit dem eigenen Urlaubsziel, der eigenen Wohnung, der eigenen Kleidung. Hiermit Hand in Hand geht das Verlangen nach einem außergewöhnlicherem Urlaubsziel, einer neuen größeren Wohnung und cooleren Klamotten.

Einerseits kommt das Ego mit der Hilfe von Instagram und vergleichbaren sozialen Netzwerken dergestalt auf seine Kosten, dass die Unzufriedenheit bei vielen verstärkt wird. Personen, die von ihrem Leben ohnehin schon genervt sind, sehen nun beim Öffnen der App unzählige Fotos oder kurze Filmchen, die sie in ihrer Unzufriedenheit bestätigen: alle anderen führen ein so fabelhaftes, spannendes Leben und müssen sich bestimmt nicht mit all den Sorgen und Problemen herumschlagen, die ich zu bewältigen habe. Der Konsum von Instagram und der dort zu findenden Scheinwelt schürt bei ihnen Selbstmitleid und Minderwertigkeitsgefühle, die sie immer unglücklicher machen.

Andererseits verlieren sich diejenigen, die zwanghaft den Anschein nach einem perfekten Leben erwecken möchten, in den damit einhergehenden Oberflächlichkeiten und dem Druck einem perfekten Bild gerecht zu werden. Sie erzeugen ganz bewusst den Anschein, ihr Leben sei makellos, um sich selbst dadurch besser zu fühlen, um sich womöglich überhaupt zu fühlen. Wenn man sich selbst nur über materielle Dinge definiert, ist es eine immense Genugtuung, diese, mit Hilfe von Instagram, der ganzen Welt zeigen zu können. Sie rühmen sich mit materiellem Reichtum, durchfeierten Nächten und abenteuerlichen Erlebnissen, um Bewunderung und Neid zu ernten. Sich selbst groß und die anderen klein machen, lautet das Stichwort.

Eine Vielzahl der Betrachter ihres Posts wird tatsächlich dem Irrglauben unterliegen, ihr Leben sei perfekt. Jedoch ist es mit der Aufwertung des Egos so eine Sache: es ist nicht lange zufrieden und verlangt stetig nach mehr. Somit muss ein neues beeindruckendes Posting her, mit dem man auf’s neue Eindruck schinden kann. Als Folge dieses Verhaltens entsteht ein sich intensivierender Kreislauf, denn der eigene Anspruch, den man an ein perfektes Leben stellt, wird immer höher. Das Verlangen nach mehr, steigt stetig an, während sich dahinter lediglich ein frustriertes Ego befindet, weil es – egal was es tut – nie wahre Zufriedenheit empfinden wird.

Es überrascht also nicht, dass immer mehr Stimmen laut werden, die Instagram kritisieren und der Plattform gar den Rücken zuwenden wollen. Viele beobachten den negativen Effekt, den Instagram auf ihr Gemüt hat und möchten sich dieser unehrlichen Scheinwelt nicht weiter aussetzen. Instagram ist eine Plattform des Egos – das lässt sich nicht ändern, jedoch kann man dies durchschauen und „bewusst“ damit umgehen.

Ich selbst bin Instagram-Nutzer und mir macht Instagram Spaß. Worauf ich aber achte ist, dass ich Instagram nicht gestatte mich unbewusst zu beeinflussen. Ich lasse nicht zu, dass ich mein Leben ins Verhältnis zu andern setze. Ich vergleiche mich nicht mit anderen und werte niemanden auf noch ab. Es ist sehr wichtig, dass man sich bewusst macht, dass man die Welt der anderen – deren Leben – durch eine Brille betrachtet, durch die man nicht alles gestochen scharf erkennen kann. Jeder zeigt nur das, was er zeigen will und lässt dabei vieles unter den Tisch fallen, weil es eben gerade nicht cool genug für Instagram ist. Den Eindruck, den ein Instagram-Profil vermittelt, ist nicht die tatsächliche Realität. Da sich Ego und Bewusstsein ausschließen, ist es entscheidend, ob man diese Dinge wie oben geschildert auf sich wirken lässt und sein Ego bedient oder ob man sich bewusst macht, dass das alles keinerlei Bedeutung hat. Es ist nicht wichtig, was die anderen haben, womit sie sich identifizieren. Es ist einzig wichtig, dass du das Ganze als Beobachter durchschaust und dir klar machst, dass all das für dich und deinen inneren Wert vollkommen irrelevant ist.